Wann immer ich mit den Nachrichten konfrontiert bin, überkommt mich eine Traurigkeit, weil mir nichts einfällt, was ich als Einzelperson tun kann, um die Welt besser zu machen. Als ich vor 4 Jahren in New Orleans war und dort von den immer noch katastrophalen Zuständen der schwarzen Vorstadt nach dem Sturm Kathrina erfuhr, brachte das meine Entscheidung, mein Leben dem Schreiben zu widmen, ganz schön ins Wanken. Braucht die Welt wirklich noch Autoren? Braucht es nicht mehr Menschen, die einfach anpacken, Dinge bauen, sich durch Bürokratie wälzen oder sich im Rechtssystem auskennen? Wer braucht ein Buch über eine Young Adult Lovestory, wenn er gerade sein Haus, oder schlimmer seine Familie, verloren hat?

Vor einiger Zeit las ich dann dieses Zitat von (wer hätt’s gedacht) dem Dalai Lama:

The world does not need more successful people. The world desperately needs more peacemakers and healers, restorers and storytellers and lovers of all kinds.

Dem konnte ich mich nur anschließen und das hat mein Gewissen ein wenig beruhigt. Jeder hilft eben in der Art und Weise, in der er kann, oder? Trotzdem hat mich die Frage immer wieder eingeholt. Sachliteratur vermittelt immerhin noch Wissen, aber wozu braucht es noch Trivialliteratur?

Letzte Woche war ich durch einen Infekt ans Bett gefesselt und konnte nichts anderes tun, als ohne Scham zu netflix-en. Der Netflix-Account ist noch ganz neu, denn ich kein großer Seriengucker. Wenn ich mich in meinem Freundes- und Kollegenkreis aber umsehe, bin ich damit definitiv in der Minderheit. Und wenn ich durch die Netflix-Auswahl gehe, sehe ich auch nur Serien, von denen ich denke: „Ah ja, davon hat mir K erzählt“, oder „Die soll laut S auch super sein“ und nicht anders geht es mir mit Filmen.

Generell finde ich es beeindruckend, wie viel Zeit viele Menschen in Serien investieren. Laut den Aussagen von Freunden gehört es für die meisten zum Abendessen oder gar Frühstück, oft zum Wochenende und sehr oft zum Nächte durchmachen dazu. Hauptgrund dafür ist natürlich das Abschalten des Alltags und die damit einhergehende Entspannung. Anders als beim Fernsehen geht es aber nicht schlicht nur um Beschallung mit – pardon my french – irgendeinem hirnzellenabtötenden, einlullenden Sinnlosgequatsche, sondern um ausgewählte Geschichten, denen man sich hingibt. Sicher, nicht alle sind unbedingt hochtrabend, aber längst sind Serien nicht nur wöchentliche, kleine Stückchen ohne Zusammenhang und größere Handlung – also Sitcoms. Die frühesten Serien, mit denen ich vertraut wurde, die diese Attribute erfüllten, waren vereinzelte Animes, Gilmore Girls und Grey’s Anatomie. (Wie gesagt bin ich aber auch kein Kenner und es gibt sicher auch noch ältere Werke, die wie heute auf langer Basis und gut durchdacht entwickelt wurden, die ich nur nie gesehen habe.) Mein Punkt ist: Die Intensität, mit der Serien heute gedacht werden, ist eine komplett neue.

Ich habe mir vorgestellt, was passieren würde, wenn ich einfach nie wieder einen Film oder eine Serie schauen würde – oder wie mein Leben aussehen würde, wenn ich noch nie einen Film oder eine Serie gesehen hätte, oder ein Hörspiel gehört, ein Computerspiel gespielt – you get my point. Die Antwort ist einfach: Mein Leben wäre sehr viel langweiliger.

Ich erinnere mich an einen Manga, den ich vor ein paar Jahren las (Fruits Basket, you should check it out), der ganz wundervolle Botschaften über Selbstakzeptanz und Toleranz enthielt. Er brührte mich und ich habe nicht nur einmal geweint und als ich ihn beendet habe, wollte ich diese Erfahrung so gerne teilen. Dort wurden so viele kluge Sachen gesagt, die mir zu der Zeit wirklich geholfen und mich getröstet haben und von denen ich wusste, dass sie der einen oder anderen Freundin auch helfen würden – aber ich wusste auch, dass das Medium Manga für sie nicht interessant war. Wie schade, dachte ich mir damals, dass sie dieses wunderbare Gefühl der aufgewühlten Emotionen, der Trauer, der Berührtheit und der Hoffnung nicht würden ausgelöst bekommen, einfach weil sie diese Geschichte nie lesen würden.

Der gleiche Gedanke kam mir neulich beim Ansehen eines GamePlay-Videos von einem Computerspiels. Da ich selbst wirklich gar keine Computerspiele spiele, war es spannend, eine andere Person dabei zu beobachten, sich durch die animierte Welt zu bewegen. Außerdem war ich beeindruckt von der Storytiefe, den ausgearbeiteten Charakteren. Themen wie Tod, Einsamkeit, Familie, Angst und Trauer wurden bearbeitet und das warf plötzlich ein ganz anderes Licht auf Gamer. All die Stories, die die eingefleischten Computerspieler schon durchlebt haben, die sie berührt haben und ihnen etwas über Situationen und Welten erzählten haben, in denen sie noch nicht waren – und die ich nie teilen würde, einfach PC-Spiele nicht mein Medium sind.

Und hier kommt der Gedanke, der mich so glücklich gemacht hat, dass ich gerne diesen Text schreiben wollte: Jedes Medium hat seine begeisterten Anhänger, die sich immer wieder völlig auf neue Welten und neue Emotionen einlassen. Klar, jedes Medium bietet einer Geschichte dabei völlig andere Möglichkeiten, erzählt zu werden. Das haben sie aber alle gemeinsam: Sie erzählen eine Geschichte. Und die erwecken Emotionen in uns, lenken uns ab und lassen uns den Alltag vergessen – so banal das klingt. Aber ehrlich, wenn mich eins im Moment nervt, dann ist das mein ätzender Alltag, in dem ich jeden Tag spülen muss und einkaufen muss und irgendwas putzen oder waschen muss … und der mir damit die Zeit klaut für schöne Momente. Und es gibt viele Millionen Leute, die haben einen sehr viel schlimmeren Alltag als ich, so schlimm, dass ich Bücher lesen muss, damit ich es mir überhaupt vorstellen kann.

Also ganz gleich welches Medium, die Bereitschaft der Leute, sich für Geschichten zu begeistern und sich Charakteren und ihren Gefühlen hinzugeben, demonstriert ihr Streben danach, sich nicht von Routine und Langeweile konsumieren zu lassen. All diese Menschen wollen fühlen. Und nicht nur ein Gefühl, sondern die komplette Bandbreite, die unser Gehirn zu bieten. Und egal wie aufregend dein Leben ist oder welcher Gesellschaft zu Zuhause bist, nicht jeder Tag bringt die komplette Gefühlspalette (das wäre ja auch hammeranstrengend). Deswegen ist es wichtig, sich Geschichten hinzugeben: um sein eigenes Gefühlsspektrum auszuleben, gar auszunutzen.

Und so lange Menschen das nicht aufgeben möchten, ist Autor sein eine wirklich tolle Aufgabe.